Ein neuer schwerer Anfang
In den Morgenstunden des 30. April 1945 waren alle Häuser in Nassenheide weiß geflaggt. Eine kleine Delegation unter Leitung des zuvor gewählten Gemeindeausschusses unter Vorsitz von Wilhelm Müller und in Begleitung einer jungen Ukrainerin als Dolmetscherin ging in Richtung der Chaussee nach Freienhagen der anrückenden Roten Armee entgegen. Dieser meldete dem russischen Kommandeur, dass Nassenheide frei von Militär und Volkssturm sei und er damit den Ort übergebe. So geschah es denn auch.
Bei der Besetzung der Funktion des Bürgermeisters gab es eine Reihe von Unstimmigkeiten, die dazu führten, dass bis Juli 1945 verschiedene Personen diese Funktion ausübten.
Nach dem Juli 1945 wurde der ehemalige politische Häftling des Zuchthauses Brandenburg, Albert Stepp-at, vom Besatzungskommandanten als Bürgermeister eingesetzt.
Das Erbe des Nazismus war erschreckend. Insgesamt 153 ha Ackerland lagen brach und der Viehbestand betrug nur noch 45 Pferde, 120 Rinder, 40 Schweine und 115 Hühner. Die bevorstehende Frühjahrsbestellung war aufs äußerste gefährdet. Im Herbst 1945 wurde auf Grundlage der Bodenreform die Ländereien eines Großgrundbesitzes aufgeteilt. 11 Neubauern und bisherige landarme Bauern erhielten dadurch eine neue Lebensgrundlage.
Seit Februar 1945 ruhte der Schulunterricht. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Roten Armee gingen einige Einwohner und der einzig verbliebene Lehrer daran, die Kriegsschäden zu beseitigen und bereits ab Juni konnte mit Hilfe provisorischer Lehrkräfte weiter unterrichtet werden. Doch am 20. Juli 1945 musste wegen einer Typhusepidemie die Schule für vier Monate geschlossen werden. Die Wiedereröffnung war dann im November 1945. Insgesamt wurden im Jahre 1945 in 5 Klassen 195 Schüler unterrichtet. Ab 1946 gingen dann die Schüler der 5. - 8. Klassen zur Zentralschule nach Sachsenhausen.
Im Juni 1945 wurden demokratische Parteien und Organisationen zugelassen. Im Ort bildeten sich Ortsgruppen der KPD, der SPD und etwas später der CDU.
Im Herbst bildete sich der Jugendbund Nassenheide.
Nach dem Tätigkeitsbericht vom Dezember 1945 gehörten dem Jugendbund 50 Jungen und Mädel an.
Die Gemeindeverwaltung stellte der Jugend unentgeltlich ein Jugendheim zur Verfügung. Auch die sportliche Betätigung wurde großgeschrieben.
Ein Punkt des Berichts heißt Arbeitseinsatz. Darin steht, dass die Nassenheider Jugend seit Mai 45 fest im Arbeitseinsatz steht. Als vordringliche Aufgabe stand die Bestellung der Felder sowie die Einbringung der
Ernte. Arbeitseinsätze wurden auch auf der "Russischen Militärkolchose Birkhorst" durchgeführt. Zum Schluss des Berichtes war vermerkt, mit welchen Fragen sich die Jugend nach der Zerschlagung der Nazi-diktatur beschäftigte. Da gab es Vorträge zu politischen Tagesthemen, Sprachunterricht, eine Jugendbücherei wurde geschaffen und die Briefmarkensammler trafen sich regelmäßig. Auf dem Gebiet der Unterhaltung waren besonders beliebt, die Musik, der Film, der Tanz und das Theaterspielen. Die gößte Beteiligung war beim Sport zu verzeichnen. Neben dem bereits erwähnten Fußball, der Gymnastik, des Turnens, waren ferner im Angebot: das Boxen, Radfahren, Faustball, Leichtathletik und der Volkstanz. Wie man sieht, klagte keiner über Langeweile.
Am 15. September 1946 fanden die ersten Gemeindewahlen nach dem Krieg statt. Die Anzahl der Wahlberechtigten betrug 889 Bürger. Davon gaben 847 ihre Stimme ab. Das waren 95,3%. Zur Wahl stellten sich folgende Parteien und Organisation: SED, Frauenausschusss, Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe. Die Stimmen-verteilung sah wie folgt aus: SED-442 Stimmen, VdgB-
206 Stimmen, Frauenausschuß-61 Stimmen. 138 Stimmen waren ungültig.
Die Zusammensetzung der Gemeindevertretung mit 16 Abgeordneten umfasste 10 Vertreter der SED, 5 Vertreter des VdgB und ein Vertreter des Frauenaus-schusses. Zum Bürgermeister wurde Albert Steppat gewählt.
Die Kriegsschäden werden überwunden
Im Verlaufe des Jahres 1950 waren die wesentlichen materiellen Kriegsschäden überwunden. Im Rahmen des Neubauernprogramms "Befehl 209" entstanden neun Ställe und Scheunen. Drei Wohnhäuser wurden fertiggestellt. Die Viehbestände hatten sich im Vergleich zu 1945 wesentlich erhöht.
Im März 1953 kam es zur Bildung einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Typ I. Sie bewirtschaftete 1865 ha mit 18 Mitgliedern. Sieben Jahre später schlossen sich beide LPG zusammen. Ab 1975 kam es zu einer weiteren Spezialisierung in der Land-wirtschaft. Auch eine Jagdgesellschaft wurde 1961 gegründet. Ihr gehörten im Durchschnitt 80 Mitglieder an. Nassenheider Bürger verließen zu DDR-Zeiten aus den unterschiedlichsten Gründen und Motiven ihren Heimatort. Sie verloren jedoch nie den Kontakt zu jenen, die hier zurückgeblieben waren.
Einen Trend der Entwicklung darf man nicht vergessen. Neben dem landwirtschaftlichen Zweig wuchs im Dorf ein gärtnerischer Zweig heran. Blumen und Pflanzen waren nicht nur in Nassenheide gefragt.
Quellen: Gemeinde Löwenberger Land, Historiker Hans Biereigel
Fotos: Archivmaterial Nassenheide
Lucas Vogel
Öffentlichkeitsarbeit